Oh, ein Tellerrand... lass mal drüber schaun'

Kollektivschande



Das Thema Flüchtlinge in Deutschland ist natürlich schon lange stark präsent. Allerdings gibt es die sogenannten (selbsternannten?) Asylgegner, in diesem Falle müsste man wohl eher von 'dem Problem der Flüchtlingswelle sprechen'.

Jetzt frage ich mich, was haben wir für ein Problem?
Ließt man im Internet Beiträge und Artikel zu dem Thema (und hierbei spielt es jetzt erst ein mal keine Rolle, ob es fliehende Menschen aus Syrien, Iran, Kosovo, Allbaien, Rumänien oder gar Afrika sind/ ob es fliehende Menschen aus Verfolgung, Folter, Vergewaltigung, Krieg und Bürgerkrieg, drohende Todesstrafe oder Zerstörung der Existenzgrundlagen sind ) findet man in Kommentaren eine Flut an Entrüstung, Unverständnis, Hetze und empathischem Unvermögen.
Ich möchte in meinem Text nicht auf Fakten und Zahlen rumreiten, denn wenn es hier um das Thema Geld ginge kann ich nur sagen: bitte googelt Weltrangliste der reichsten Länder der Welt. Deutschland macht es sich grundsätzlich auf einem der niedrigen Platze gemütlich und behaglich. Und wenn es um Menschlichkeit geht ist der Geldgedanke wohl völlig fehlplatziert. Wir haben Kohle, und es ist wohl gerade noch genug um es in der NOT auch teilen zu können.

Ich muss nun täglich lesen und hören, wie es heißt: Die kosten so viel! Gerne noch mal Bezug nach oben suchen! Dann finde ich auch besonders toll, dass die alle kriminell sind! Oder die vergewaltigen unsere Frauen! Ich finde es sowie so beschämend, dass Kriminalität in In- und Ausländer unterteilt wird, irgendwie muss ich einem Irrglauben auferlegen sein, dass wir in einer modernen Gesellschaft so etwas wir nationale Trennung nicht nötig hätten.Verrückt.
Einer der schönsten Kommentare: 'Dann nimm die doch bei dir zu Hause auf!' Da gibt es Bestimmungen und Reglungen, die das den meisten Menschen unmöglich machen. Der erste Stolperstein ist, dass ein privat aufgenommener Flüchtling ein eigenes Zimmer haben muss. Aber davon abgesehen gibt es für den Fall eintreffender Flüchtlinge ja dieses Asylrecht, das sich unter anderem auch auf Unterkünfte bezieht. Hier in D hat halt alles seine Regelung.
Und es gibt noch so vieles mehr, dass ich gelesen haben und jedes mal war es mir als hätte ich ein Brett vor dem Kopf, so unzugänglich sind mir diese absurden Äußerungen.
Die wollen an mein Geld. Hach ja, das liebe Geld... Wie widerlich dieser Egoismus doch ist.

Auch wenn diese Menschen einen anderen kulturellen Hintergrund haben, eine andere Lebensweise führen, sich vielleicht in Gedanken und Meinungen der Kindererziehung, Arbeitsmoral und Freiheit anders ausdrücken, bleiben es dennoch unsere Verwandten! Ja, wir sprechen ihre Sprache nicht und sie vielleicht nicht unsere, aber den Menschen machen wohl andere Merkmale aus, denn die Sprache (von der es im übrigen Welten der non-verbalen gibt, dadurch ist es beinahe möglich mit jeglichem Lebewesen zu kommunizieren).
Es ist einfach eine Schande und beleidigend mit anzusehen, dass wir in unserer eigen Rasse wildern und ausgrenzen. Natürlich gab es das schon immer und gerade wir Deutschen haben hervorragende negativ Beispiele unter Hunderten in der Weltgeschichte hervorgebracht.
Aber nehmen wir gerne einmal Bezug auf unsere jüngste Vergangenheit.
Jeder, dessen nächste Vorfahren wie Urgroß-, Groß- und Eltern den Krieg damals miterlebt haben, wirklich kennengelernt hat, wird mitbekommen haben, dass diese Generationen und die von ihnen erzogenen Nachkommen stark geprägt sind von Armutsdenken, Angst vor der Fremde und Misstrauen in der Gesellschaft.
Der Armutsgedanke rührt wohl daher, dass offenkundig nach dem Krieg nichts dagewesen ist, die Inflation die Wirtschaft niederriss und die Menschen sich mit elementaren Problem rumschlugen, wie: - wo schlafen meine Kinder und ich des Nachts? - was essen wir morgen? - wo bekomme ich medikamentöse Versorgung her bei Krankheit? - wie soll ich weiter leben? - gibt es eine Verbesserung meines Lebens?
Die Angst und das Misstrauen vor dem Fremden und Andersartigen hat uns ein gewisser Mann in den 1933-1945 Jahren auf erschreckend einfache Art eingeimpft und zwar so tief, dass es bis heute vorzuhalten scheint.

Und jeder von uns, dessen Verwandte bereit sind von ihren Erfahrungen zu berichten, bzw. sie zulässt wird von Gräueltaten, Misshandlung, Vergewaltigung, Ohnmachtsgefühl, Hass und so viel mehr gehört haben.
Versetzt euch in eure Verwandten, die fliehen wollten, weil sie einem Regime nicht blind folgen konnten, das schlicht weg Blödsinn verbreitete. Sie kamen nach Frankreich, in die Schweiz und sonst wo hin in Europa. Sie wurden verfolgt, eingesperrt und wieder nach Deutschland zurück geschickt – als Nazis. Und da die Nazis jetzt wussten wie sie über sie dachten kamen sie im schlimmsten aller Fälle (und mit ziemlicher Sicherheit) ins KZ.

Wir haben das große, mehr noch (!) enorme Glück in einer für unsere Begriffe 'gewaltfreien' Welt zu leben. Ich darf mich kleiden wie ich möchte. Ich kann sagen was ich will. Ich kann entscheiden was für Literatur ich lese. Ob ich mich überhaupt bilde. Welche Lebensweise ich einschlagen und vertreten möchte. Wir können das alles! Wir Glückspilze!

Behandle andere so wie du selber gerne behandelt werden möchtest!

Diese Menschen, (wir nehmen uns hier mal das extrem Beispiel vor/ schließlich ist die Folgerung, dass wir durch die Ausgaben für die Flüchtlinge bald ärmlich und kränklich auf der Strasse leben auch extrem) die unteranderem eine 'Reise' hinter sich gebracht haben, deren ständiger Begleiter Angst, Verwahrlosung, Unrecht und Misshandlung war nur um im gelobten Land Europa zu stranden; anstatt, dass wir ihnen die Decke über die Schultern legen, sie halten und wärmen, ihnen versuchen zu verstehen zu geben 'alles wird wieder gut und du bis sicher und angekommen'. Nein – im Gegenteil in den Medien werden sie mit Kriminalität in Verbindung gebracht, werden als undurchsichtige Schattengestalten vorgestellt, denen wir besser nicht im Dunkeln begeben. Im eigenen Land mussten sie sich verstecken und letzt endlich fliehen wegen physischer Gewalt und hier werden sie sich verstecken müssen durch psychische Gewalt.
Bitte, liebe heile Welt, stell dir ein mal vor: Dein Dorf wird besetzt. An den Strassenecken, auf den Dächern, in den Hauseingängen sind vermummte, gesichtslose Henker abgestellt, kontrollieren jeden Deiner Schritte, mahnen Dich, weil Du zu falscher Zeit am falschen Ort stehst, oder einfach weil es gerade Spaß macht einen anderen Menschen zu demütigen. Deine ganze Familie und Nachbarschaft wird zusammengepfercht, nur zur Demonstration der Macht wird wahllos auf Menschen gezeigt, die ohne Widerworte sich nach vorne zu begeben haben. Das Schauspiel beginnt: die Auserkorenen müssen sich in einer Reihe entlang der Peiniger hinknien, Du weißt was geschehen wird, darfst Dich aber nicht abwenden. Siehe, was geschieht, stellst Du Dich gegen die Macht. Und Deine Freunde, Deine Familienmitglieder, Deine Bekannten werden hingerichtet. Schnell, ohne Gefühl, ohne Reue. - Ohne Grund.
Du weißt genau Dir wird es ähnlich ergehen, Du weißt nicht wann aber das es kommt.
Und über Spenden von jedem Menschen den Du kennst schaffst Du es Geld zusammen zu kratzen, viel Geld, dass einzig und allein für überleben steht. All das liebe Geld gibst Du einer verbrecherischen Bande, die aus Deinem Elend Gewinn zieht. Du bist auf einem Schlepper untergebracht, der zum Bersten vollgestopft ist mit aberhunderten von Menschen, die das selbe durchleben wie Du. Jeder von ihnen braucht Trost und Aufmerksamkeit, also ist sie auch für niemanden da. Deine Mitreisenden sterben neben Dir, vielleicht wirst Du krank während des Übersetzens. Du bist allein, hast keinen der Dich pflegt. Hast immer nur mahnend die Leiche Deines Genossen neben Dir und weißt, dass Du durchhalten musst. Durchhalten bis Land in Sicht ist, ruhigeres Land, friedlicheres Land – Frieden.
Aber Du kommst an und alles ist anders. Du hast wahrscheinlich Deine halbe Familie durch die Ideologie eines Irren verloren, den Rest, da Du Dich auf den Weg machtest und sie zurück lassen musstest in der Hoffnung sie überleben und überstehen die Zeit und bald! Bald kannst Du sie nachholen, oder Du kannst arbeiten und sie vielleicht mit Geld unterstützen.
Aber falsch gedacht, Du kommst an und durchläufst Prozesse, deren Nutzen Du nicht verstehst, da man nur mit Dir spricht um Deinen Namen, Dein Geburtsdatum, Deinen Stammbaum zu erfragen und das Ganze nur um nach einem monatelangen Prozess herauszufinden, ob Du es denn auch wirklich verdient hast, ob Deine Lage, wegen der Du geflohen bist wirklich so gravierend ist, dass Du ein Recht auf Hilfe hättest.
Die Leute um Dich herum beschimpfen Dich. Du verstehst sie nicht, weißt nur, dass sie schlechtes in Dir sehen. Völlig verblendet wirst Du am Schluss noch als das betitelt, das Dich zur Flucht zwang.

Hat nicht jeder das Recht auf Hilfe, vor allem wenn er am Ende seiner Kräfte an der Tür klopft und fragt?

§ 323c

Unterlassene Hilfeleistung
STRAFGESETZBUCH
Wer bei Unglücksfällen oder gemeiner Gefahr oder Not nicht Hilfe leistet, obwohl dies erforderlich und ihm den Umständen nach zuzumuten, insbesondere ohne erhebliche eigene Gefahr und ohne Verletzung anderer wichtiger Pflichten möglich ist, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft.

Andere Kulturen, anderes Denken, andere Taten. Simpel... aha. Nein danke, dass stößt mir dann doch auf.

Ein kurzer Exkurs noch: die Afrikaner! Oh, wie man sich über die mokieren kann! Wir haben ja nur Jahrhunderte damit verbracht ihre Kultur zu unterdrücken. Als die Sklaverei verboten wurde hatten wir Deutschen, Holländer, Spanier und Briten ja alle schon unser Land. Das zurückgeben? Das haben unsere Vorfahren unter Einsatz ihres Lebens gestohlen! Bitte, da wird nichts rausgerückt. Aber zu uns nach Hause sollen die auch nicht kommen.
Und da das Ganze so weit entfernt von uns geschieht machen wir es uns auch noch so schön angenehm, diese ganzen, den Alltag belastenden Gedanken und Vorkommnisse auf Seite zu schieben und zu ignorieren. Als wären sie gar nicht da.
Bis sie halt an der Tür klopfen und um Einlass bitten.

Wenn dann doch mal einer bleiben darf und vielleicht sogar dann noch am Ende eine Arbeitserlaubnis bekommt, worauf er es abgesehen hatte, denn das sind keine faulen Menschen, sie haben dem Tod ins Angesicht geblickt um ein neues, besseres Leben zugestanden zu bekommen. Dann nimmt uns dieser nicht Arbeitsplätze weg, er stärkt die Wirtschaft, hebt das Bruttoinlandsprodukt, zahlt Steuern und saniert den Haushalt. Halt wie ein guter Deutscher.
Im besten Falle unterstützt er uns sogar, vielleicht macht er ein Restaurant auf, mit den Köstlichkeiten seiner Heimat. Natürlich nur, weil ihm sein akademischer Grad in Europa nicht zugestanden wird. Und so wird aus dem elenden Schmarotzer am Schluss einer, der Arbeitsplätze schafft, noch mehr Steuern zahlt und dazu beiträgt das Stadtbild bunt zu halten. Was im Übrigen wieder den Touristenstrom anlockt und so weiter und so fort.

Aber um was es hier elementar geht ist Gerechtigkeit.
Müssen diese Menschen von einem Unrecht ins nächste geschupst werden? Und sind wir wirklich so vermessen und empfinden es als Last den Luxus zu haben Hilfe leisten zu können? Wie paradox! Und, seinen wir ehrlich, wie kleingeistig!
Aber es ist ja auch einfach auf denen rumzuhacken, die nichts haben, nichts verstehen und eigentlich doch nur ankommen wollen. Und eigentlich auch nur in ihrem eigenen Land unter friedlichen Begebenheiten leben möchten. Was für ein absurder Wunsch und das i-Tüpfelchen! Können sie es im eigenen Land nicht, kommen sie zu uns. UNVERSCHÄMTHEIT!

Wir sind so mit unseren Problem beschäftigt. Soll ich mein Geld in eine schöne Reise stecken? Paraguay und Kenya, Israel und Marokko sind ja so schöne Staaten. Oder soll ich mich drauf setzten und es horten? Denn ja, von oben ist die Aussicht schöner!
Also wirtschaftliche Globalisierung gerne, denn da springt viel Kohle für uns Weltmächte raus... aber soziale Globalisierung, das wäre doch wohl ein bisschen viel verlangt!
Oder gar Steuerausgaben für Notleidende?
Unser Luxus macht uns krank.Volkskrankheiten wie Depression und Burnout sind im Übrigen Erkrankungen, die entstehen, wenn man nichts mehr hat worüber man sich sorgen könnte. Dem Menschen geht es irgendwann so gut, dass er sich aus lauter Langweile den Geist zerstört. Aber den Menschen, denen nicht ein mal die Chance zur Langeweile gewährt wird, denen kann man dann nicht helfen. Vielleicht findet man aus lauter Nächstenliebe doch auch einmal aus seinem Loch wieder raus?
Man muss doch gleich ein schlechtes Gewissen bekommen. Wir sind so übersättigt und vollgestopft, dass wir daran drohen zu ersticken!

Ja, wir können im Kollektiv Scham für das Unrecht der Welt empfinden. Nein, eine Kollektivschuld, geschweige denn eine Kollektivverantwortung ist nicht gegeben! ...und ich finde es ist eine Kollektivschande, wie wir Hände ausschlagen, die nach Strohhalmen greifen.


-Sideglance

6 Kommentare 23.7.15 18:16, kommentieren